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Warum Staat, wenn es Gruppen auch regeln könnten?

21. April 2017

Schöne Frage, da kann ich nicht widerstehen: Was kann die Gruppe? Was kann der Staat? Was ist der Unterschied?

Die kürzeste Antwort ist: Staaten organisieren Gruppen, Gruppen Menschen. Bei Gruppen reicht der Eindruck, wenn sich eine Weile lang nichts tat, dann scheinen die Regeln zu stimmen. Stimmen sie nicht, dann braucht es einen guten Geschichtenerzähler, der die Umstände und die Änderungen plausibel macht. Gruppen reicht plausibel.

Ein Staat dagegen begründet während der Einigungsphase durch Nennung aller Blickwinkel und der jeweiligen Kriterien jede Entscheidung und macht sie transparent für jedermann. Staaten setzten sich mit den Dingen auseinander und begründen ihre Entscheidungen in und durch den Prozess, an dessen Ende die Entscheidung steht.

Zur Ergänzung: Oben wurde von einem demokratischen bzw. einem, von der Gesellschaft gestützten, Staat ausgegangen. Im Folgenden auch. Es gibt jedoch Mischformen, mindestens eine Gruppe verfolgt dann mehr oder weniger offen eigene und zu den offiziellen widersprüchliche Ziele. Traditionelle Kandidaten sind: Wirtschaft, Religion und Machtstrukturen (politische oder gesellschaftliche Parteien, Institutionen wie Nachrichtendienste, Polizei und Militär) oder Leute, die irgendwie und etwas zu weit, aus der Gruppe heraus-, in ihren Augen meist, hervorgetreten sind.

Die Gruppe kann, darf und soll die Regeln jederzeit den eigenen Bedürfnissen anpassen (nicht aus egoistischen oder Bequemlichkeitsgründe, das wäre sicher falsch, sondern weil es nötig ist: Da sie viele Fehler machen, haben sie viel zu korrigieren).

Das erklärt auch ein anderes Gruppenphänomen: Gruppen systematisieren nicht und sie wissen nicht, sie glauben, sie leben ungeprüft und blauäugig (einfache) Überzeugungen. Gruppen stellen sich selbst über alles und beanspruchen für sich über alle Ressourcen nach Belieben verfügen zu können.

Das stammt aus einer anderen Zeit: Als Nomaden und in einer Hofwirtschaft galt es das Überleben der Gruppe zu sichern, andere Gruppen gab es kaum, wenn hatten sie gleiche oder ähnliche Interessen, wandernde Gruppen waren aggressiv, alles andere war mindestens zweitrangig. Sie tun das eher aus Gewohnheit und weil die anderen Dinge damals (scheinbar) nicht zu beachten waren. Gruppen regeln heute noch die Dinge, nach den damals adäquat erscheinenden Kriterien.

Die Dinge änderten sich, als sich die Menschen in Städten und Arbeitsteilung organisierten. Das Grosse und Ganze benötigt ein anderes Vorgehen, Gruppen versagen ab einer bestimmten Grössen je Organisationsform. Neuerungen wie Staat (manchmal auch mit Religion und Nation) sollten das korrigieren – bis heute bleibt jedoch die Faustregel bestehen: „Je mehr Agrar, desto mehr Gruppe; je mehr Stadt, desto weniger Gruppe“ aber auch: „je mehr Hierarchie, desto mehr Gruppe“.

Es gibt massive Unterschiede zwischen der gesellschaftlichen Ordnung in einem kleinen Bauerndorf, einem auf Handel basierenden Dorf oder Stadt oder einer Grossstadt.

Im kleinen Bauerndorf lernen alle Kinder dieselben Regeln das „das macht man so“ ist dort sehr ähnlich, weil sich die Regeln regional durch die Historie (und dem, was den Ansagern wichtig und richtig erschien) ergeben haben. In der Regel reicht es, alles so zu machen, wie immer, dann klappt das schon.

Ein Händler agiert mit mehreren und wechselnden Partnern und jeder handelt mit anderen Gütern – die konkreten Umgebungen sind von Betrieb zu Betrieb, manchmal von Abteilung zu Abteilung unterschiedlich, ebenso die Entscheidungen und die jeweilige Historien. Dennoch gibt es noch relativ viele Gemeinsamkeiten, wie z.B. der Stil und die Art wie man arbeitet.

In der Grossstadt weichen die Gemeinsamkeiten sehr allgemeinen Regeln. Diese Regeln stellen die gemeinsame Basis, an denen sich die Gruppen orientieren sollen. So lange diese Regeln von den Gruppen getragen und mit Leben gefüllt werden, solange gibt es den Staat (andere meinen, dass sich das durch eine Gewaltherrschaft verlängern lässt (was wiederum kein Staat im obigen Sinn wäre)).

Ein Staat legt allgemeingültige Regeln für alle Gruppen und deren Mitgliedern, die sich in ihm zusammenfinden, fest und kann dabei keineswegs willkürlich verfahren: Es gibt Regeln, an die er sich dabei hält. In einem Staat ergibt sich Arbeitsteilung fast von selbst. Deshalb kann der Staat alle Aspekte hören, bewerten und damit belastbarere bis stabilere Regeln aufstellen, als das die Gruppe, die personell, vom Wissen und von den anderen Kapazitäten her, eingeschränkt sind, je aufstellen könnte.

Der Staat bildet durch seine Strukturen neue Gruppen aus, die nun über Spezialwissen verfügen können. Diese neuen Gruppen müssen nicht mehr glauben – aber auf andere Gruppen vertrauen, denn keiner kann alles. Diese Gruppen sind ein interessantes Phänomen, doch das Thema sprengt den Post.

Ein Vorteil des Staates ist, dass er eine Bühne für die notwendige Kommunikation stellt und diese organisiert. Er moderiert eine (intensiven) Besprechung und Betrachtung aus allen Blickwinkeln und nach einer allgemeinen Einigung wird entschieden.

So sollte es zumindest sein, denn wenn alles nur mit Kampfabstimmungen erledigt wird, dann regiert im Staat bald die Gruppendynamik mit allen Vor- und Nachteilen. Solche Staaten degenerieren zu einer überdimensionalen und damit zu einer überforderten Gruppe (nationaler oder religiöser Art) bzw. zu einem Unterdrückungssystem ohne Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und freier Justiz und Presse. Statt Wirtschaft pure Korruption.

Diesen Staaten geht die Flexibilität abhanden, die benötigt wird, um in einer dynamischen Welt seinen Teil beitragen zu können. Mit anderen Worten: Er beschäftigt sich mit sich selbst, sieht in allem nur Gegner, ist ständig im Verteidigungsmodus und bald sind ihm alle Mittel recht, um sich durchzusetzten.

Gruppen werden von der Situation gesteuert und passen die Regeln an die Situation an. Staaten verfolgen langfristige Ziele wie elementare Umgangs- und Kommunikationsregeln (die offizielle Sprache(-n) ist / sind …; nur dem Staat ist Gewalteinsatz nach bestimmten Regeln erlaubt, Bürger diskutieren das aus oder können es vor Gericht bringen usw.), Stabilität, ein kontinuierlicher, evtl. moderierter (Meinungs-) Austausch zwischen den Gruppen, aktive Meinungsbildung (im Gegensatz dazu betreiben Gruppen Stimmungen) und eine florierende Wirtschaft.

In Gruppen ist „Wirtschaft“ Aufgabe dessen, der das Sagen hat (Gruppen sind oft hierarchisch aufgebaut, das liegt meist daran, dass in der Gruppe jeder weiss, was er „zu tun“ hat, da man in sie hineinwächst, es muss ihm nicht jede Aktivität vorgekaut werden, er macht das von selbst und alles wird vom Ansager überwacht, korrigiert und gelenkt). Die „Wirtschaft“ ist Sache dessen, der für die Aussenpolitik zuständig ist, denn die Gruppe ist weitgehend autark und benötigt die Wirtschaft nicht – ganz im Gegenteil zu heute: Praktisch keiner kann sich heute aus der Wirtschaft heraushalten.

Warum „kann, darf und soll“ die Gruppe dynamischer mit Regeln umgehen als ein Staat? Je kleiner die Gemeinschaft ist, desto weniger genau und gut können die Analysen und Aspekte der aktuellen Umgebung eingeschätzt werden. Zudem sammeln sich in Gruppen meist Menschen aus der Umgebung und solche, die gleiche oder ähnliche Fähigkeiten haben. Sie verfügt über viel Spezial- aber über wenig anderes Wissen. Dass eine Gruppe sich um ein objektives Abbild der Umgebung bemüht, ist unwahrscheinlich (das müssten dann die Physiker oder Philosophen oder so sein). Um es kurz zu machen: Gruppen machen in der heutigen Welt (keine Nomaden, keine Hofwirtschaft, viel Arbeitsteilung und grosse Interessenskonflikte usw.) viele Fehler, sie können gar nicht anders als es mit Versuch und Irrtum anzugehen.

In der Gruppe sind nur die Regeln belastbar, die zwischen den Mitgliedern gelten, sie gelten als beständig, während alle anderen fremd sind, die Regeln nicht kennen oder nach anderen Regeln leben – das stempelt sie als unzuverlässig und regellos.

Der Unterschied zwischen Gruppe und Staat ist demnach die Ausgangsbasis: Gruppen gehen von minimalen, Staaten von maximalen Unterschieden der Mitglieder (und deren Zahl) aus. Beide versuchen daraus das Beste zu machen. Und Staaten organisieren Gruppen, Gruppen Menschen. Es gibt immer beides gleichzeitig und es sollte ein ausgewogenes Verhältnis sein, der Staat wird umso labiler, je unausgeglichener dieses Verhältnis ist, denn dann fällt er immer auf die Gruppendynamik zurück – so, wie wir das zur Zeit in etlichen Staaten von Russland bis zur Türkei sehen.

In einigen anderen Fällen schmücken sich die Akteure schlicht mit fremden Federn: Polen und Ungarn z.B. „sind wieder wer“. Sie meinen es „geschafft“ zu haben und dass sie das ganz alleine waren. Auch die Briten sehen das wohl so, doch „geschafft“ haben das die grösseren Märkte.

Eine Vergrösserung der Märkte erlaubt ein einmaliges Öffnen stagnierender Märkte (siehe England vor dem Eintritt in die EU, die Vorbereitungen um in die EU zu kommen und deren Abschluss, der Beitritt in die EU entsprechen Polen und Ungarn). Ein grösserer Markt erlaubt auch mehr gesunden Wettbewerb. Jedoch können auch grössere Märkte stagnieren, gerade weil sie beschützt werden, weil sich die Akteure bequem einrichten wollen.

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