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Sprechen, Reden und Rhetorik

7. Februar 2017

„Worte. Das ist was für Dich“ Das höre ich jetzt zum zweiten Mal. Er weiss, was er riskiert – und meinte dazu „das letzte Mal, hat es sich gelohnt“. Die Retourkutsche wird fürchterlich sein (das letzte Mal hat er noch mitgelacht …).

Es geht den Bettlern nur um Rhetorik. Aber um das zu sagen, was wichtig ist, schaut man sich besser die „natürliche“ Umgebung der Rhetorik an. Am Anfang stehen die Worte Sprechen und Reden (halten). Ausserdem: Alles andere kann man woanders direkt nachschlagen.

Wer spricht, soll mit seiner Aussage genau auf den Punkt treffen. So ist es üblich, so ist es gut, sonst wird das nichts. Die Erfahrung, dass das nicht ganz einfach ist, hat jeder bereits gemacht. Einer der Hauptgründe für die Fehlschüsse ist, dass Begriffe von allgemein bis detailliert untergliedert sind. Nennen wir das Ebenen. Unterhalten sich zwei und stehen nicht auf derselben (und der für diesen Punkt relevanten) Ebene, dann kann das Gespräch ewig gehen.

Steht man zu sehr darüber und bleibt auf allgemeinen Ebenen hängen, dann scheint alles einfach und klar, aber jeder denkt etwas anderes und – geht es an die Umsetzung, zeigen sich die Unterschiede und Missverständnisse, i.d.R. sind diese Gespräche nicht konstruktiv, trotz des scheinbar guten Starts (Trump wird das regelmässig passieren – geschäftlich mit Kalkül, da nun behauptet werden kann, dass der Vertrag nicht erfüllt oder die logisch zu erwartende Qualität nicht stimme).

Wer beim Sprechen auf einer Ebene oberhalb des Punkts hängen bleibt, erreicht ihn nicht. Das Gespräch verebbt im Allem und Nichts, im „alles ist klar, niemand weiss wie es geht“. Gerät man unter die Punktebene, dann kommt es darauf an, ob der Punkt getroffen wurde oder nicht. Ging es daneben, kann die Sache mit Arbeit (oder einem Sprung) gerettet werden; ging es durch den Punkt, dann ist der Sprecher wahrscheinlich der Meinung, dass das Thema auf dieser tieferen Ebene besprochen werden sollte.

Befinden sich beim Sprechen alle auf derselben Ebene, dann dauert das nicht lange. Beim Reden halten sind die Ebenen nur insofern wichtig, dass der Redner sie wählt; springt er aber zu sehr hin und her, wird die Rede nicht ankommen – aber davon später mehr.

In der Rhetorik gebraucht man die allgemeineren Ebenen um zu flüchten, die detaillierten um sich als Spezialist und Fachmann auszuweisen – und um zu signalisieren, dass der andere nicht mithalten kann, naiv oder schlicht dumm ist. Wer in der Rhetorik auf einer tieferen Detailebene verweilt oder ständig dort hin zurückkehrt, der diskreditiert sein Gegenüber. Wer krampfhaft auf einer höheren Ebene verweilen will, kann das tun um den Eindruck zu erwecken, der andere wolle ihn diskreditieren oder er will zeigen, dass der andere den aktuell zu besprechenden Punkt ständig verfehlt – sticht er dann wie nebenbei ein zwei Ebenen unter die des Gegenübers, zeigt, dass man noch fachmännischer als der andere könnte, ist die Sache für dieses Mal erledigt.

Warum kommuniziert man? Um sich mitzuteilen (um etwas zu erzählen), um sich abzusprechen bzw. sich zu koordinieren oder um etwas weiterzugeben, zu erklären bzw. um zu lehren. Oft ist es eine Mischung von mehreren Zielen. Und für jedes Ziel gilt eine andere Rhetorik. Aber immer wenn man kommuniziert, dann will man sich damit versichern, dass man zusammen gehört bzw. dass man den Wunsch hat, zusammen zu gehören. Kommunikation und Zeremoniell haben viel miteinander zu tun – so mancher ist überzeugt, dass der grössere Teil vom täglich gesprochenen zeremoniell ist.

Einer der elementarsten Schritte und Ziel ist es sich zunächst zu synchronisieren, sich gegenseitig zu versichern, auf welcher Ebene man sich befindet und dass alle auf derselben Ebene sind.

Wer das forcieren, lediglich den Anschein erwecken, also signalisieren will, nutzt am besten Rhythmus und Ergänzung. Damit der Hörer ergänzen kann, braucht es Pausen. Um Rhythmus aufzubauen, verwendet man oft Wiederholungen, Wiederholungen werden auch zum Auf- und Abbau von Spannung verwendet.

Im dritten Absatz dieses Textes findet sich folgende Stelle: „So ist es üblich, so ist es gut, sonst wird das nichts.“. Das ist ein Standard in der Rhetorik: Kurze Sätze, ähnliche Worte, drei Glieder. Wie wirksam so etwas sein kann, kann am eigenen Leib erlebt werden: Lesen Sie die Phrasen laut vor, variieren Sie die Betonung, die Geschwindigkeit und die Lautstärke. Wie wirkt es, wenn das erste oder das letzte Wort betont wird? Wie wirkt es, wenn Lautstärke und Betonung auseinanderdriften und über die ganze Phrase variiert (stetig steigend / fallend, springend) werden? Beim Ausprobieren sind Ausdruck und Gefühle nicht nur erlaubt sondern erwünscht. Um sehen zu können, dass das nicht nur hier merkwürdig intensiv wirkt, versuchen Sie es mal hiermit:

Du und ich.

Du, und ich.

Du. Und ich.

Du – und ich?

Du! Und ich.

Du! Und ich?

Du? Und ich.

Usw.

Rhythmus ist eine Frage der Sprache und des Ausdrucks. Diese Information fehlt nicht nur bei Geschriebenem, diese Information verliert sich schon, wenn der Sprecher laut sprechen soll (weil weniger Unterschiede möglich sind), wenn er verstärkt wird (wirkt wie laut sprechen) oder sonst wie indirekt oder nur beobachtet wird (wer nicht mitmachen darf, wer nur zuhört ist passiver).

Dennoch kann Rhythmus auch im Geschriebenen aufgebaut werden – indirekt. Wer z.B. einen Satz liest, baut immer einen Spannungsbogen ein, der auf Normal beginnt, gegen 2/3 die höchste Spannung erwartet um dann rasch zu fallen. Diese Eigenheit kann man nutzen: Ein bis drei einleitende Sätze in normaler Länge. Jetzt drei kurze (über die Länge eines Normalen Satzes), ein kurzer, einer über 2/3, dann ein normal langer.

Es ist erstaunlich: Das wirkt! Geschieben und Gesprochen (wieder die Varianten ausprobieren und erweitern!) der Inhalt wird fasst unwichtig, wenn die Zuhörer erst einmal synchronisiert sind, kann man sie fasst nicht mehr verlieren und sie lassen fasst alles mit sich machen.

Das kann gut mit einem Ohrwurm verglichen werden und in der Tat: Rhetorik und Komposition haben viel gemein. Jede Rede, die auf die gleichlangen Sätze irgendwo am Anfang der Rede und den synchronisierenden kürzeren, verzichtet, wird darunter leiden, dass es der Rede „an Emotionalität fehlt“ sie leidet aber auch daran, dass die Leute weiter selber denken – und jeder, an etwas anderes.

In der Musik ist das Komponieren sogar etwas einfacher, die Regeln sind klarer. Soll ein Text „komponiert“ werden, gilt es (Rede- /Les-) Geschwindigkeit, Lautstärke, Pausen und Spannungsbögen zu kontrollieren – erst dann kommt der Inhalt. Man sollte sich nicht all zu viel vornehmen, gerade am Anfang und während man das noch übt. Suchen Sie sich für den Anfang jemanden, der mit dem Sie üben können. Tauschen Sie sich aus: Bei mir wirkt das so – wie bei Dir? Versuchen Sie die Unterschiede zu klären – es sollte eine Person sein, der sie vertrauen, denn da geht es ins Eingemachte: „Weil du das so erlebt und empfunden hast und dich das daran erinnert, wirkt das hier so? Bei mir war das wirksam. Seltsam.“ Rhetorik hat auch viel mit Einfühlungsvermögen, Soziologie, Psychologie, gesundem Menschenverstand und Wissen im Allgemeinen zu tun. Ebenso mit Beobachten und Übung.

Damit sind die wichtigsten Punkte der Rhetorik bereits genannt: Ebenensprünge erlauben jederzeit jede Aussage umzukehren, sie oder ihre Vertreter zu diskreditieren und mit wenigen, relativ einfachen Mitteln kann eine Gruppe, eine Masse – aber auch das einzelne Gegenüber – synchronisiert werden.

Wer synchronisiert ist, meint vom selben zu sprechen, wähnt sich in einer gemeinsamen (Echo-) Gruppe, bleibt der Redner im Allgemeinen und in Plattitüden, dann bleibt der Eindruck erhalten und der Redner kann fasst alles mit seinen Zuhörern machen.

Zur Bestätigung hier noch ein weiterer „Trick“.: Wieder Wiederholung: Stellen Sie einer Person zwei mehr oder weniger triviale Fragen, die mit derselben Antwort einem Ja oder Nein zu beantworten sind. Bauen sie dabei etwas Rhythmus auf und stellen Sie nun eine dritte Frage, deren Antwort offen bzw. deren Antwort vermutlich anders ausfallen sollte, mit etwas Übung wird aber die bereits zwei mal gegebene Antwort kommen. Wer die Person nun nicht zum Nachdenken kommen lässt, kann sich jederzeit darauf berufen, dass das Gegenüber hier Ja / Nein gesagt hat – aus Scham wird sie dazu schweigen bzw. es beschämt zugeben müssen.

Letztlich aber haben Lügen kurze Beine. Sie fallen einem auf die Füsse. Allerdings ist eine Beschäftigung mit Rhetorik, Sophismus etc. für jeden, der Reden halten oder in Diskussionsrunden bestehen will, Pflicht, denn kennt man die Regeln nicht, kann es passieren, dass man sie ungewollt anwendet, es einem zufällig passiert, was meistens peinlich ausgeht; zudem können Manipulation leichter erkannt und abgewehrt werden, wenn man weiss, wie es gemacht wird. Jede Rede und Diskussion gewinnt aber, wenn die Redner wortgewandt (oft reichen schon ein paar Wortfeldübungen) und etwas Humor haben. Es aber nicht immer, sondern nur an den richtigen Stellen einsetzt. Übung macht hier den Meister – man sollte aber nicht vergessen, dass es da draussen immer einen Besseren gibt. Nur Rhetorik reicht auf Dauer nicht.

Die wichtigste Regel der Rhetorik soll nicht verschwiegen werden; Sachverstand und eine tiefe, innere Begegnung mit den Themen liefert meist bessere Argumente als Rhetorik und Pressverkauf pur – die schafft auf Dauer nur Feinde.

Ein letzter Punkt soll noch genannt werden, denn der kann alles zunichte machen: Körpersprache. Sacken Sie einmal so richtig in sich zusammen. Der Satz: „Ich bin geschafft / traurig“ geht locker über die Lippen „Mir geht es gut“ will nicht so recht und „Ich bin toll“ geht gar nicht. Jetzt aufrecht hinstellen, leicht breitbeinig und alle Sätze noch einmal sagen. Dass die meisten jetzt den ersten Satz nicht ohne ins Lachen zu geraten sagen können, zeugt nicht von Humor, der bemerkte aber keineswegs geglaubte Widerspruch zwischen der Körperhaltung und dem Gesagten zwingt einen dazu.

Das mit den Ebenen kann ich nicht mehr zuordnen – ich weiss schlicht nicht mehr, ob das eine Eigenkreation ist oder ob ich das von jemandem geklaut habe. Sorry.

Wer Rhetorik betreiben will, muss gut über den Tellerand der Rhetorik blicken können und fasst ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen sein. Pur eingesetzt ist sie eher Gift als Medizin. Jedenfalls sind die meisten, die die Rhetorik als Waffe und als Werkzeug zum Steuern und Regeln bzw. zur Manipulation einsetzen will, bleibt für sich, denn er wird unzuverlässig, kann kein guter Partner sein und ist ein steter Grund für Streitigkeiten – Rhetorik oder Geld pur funktioniert nicht, kann nie etwas stabiles sondern nur etwas Kurzlebiges hervorbringen, der Suchtfaktor ist hoch und kann letztlich nie befriedigt werden.

Wer es ganz genau wissen will, kann sich unter den Stichworten: Rhetorik, Rede, Platon, Sophisten, Aristoteles, Cicero aber auch Führen, Leiten, Manipulieren weiter informieren.

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