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Was nun D.?

17. Januar 2016

Was sagt man einem, der befürchtet, dass sein Weltbild zusammenstürzt? In der Regel nicht viel. Denn die meisten machen einen Trauerprozess durch: Zuhören ist wichtiger als Reden. Doch wie lange trauert man eigentlich? Gesellschaftlich ist ein Jahr „normal“. Wie lange trauern „wir“?

Sehen wir mal: Der entschärfte Kapitalismus überwand den Kommunismus, der Kapitalismus wurde euphorisch und manisch depressiv. Der Verlust des Gegners ist auch eine Art Trauerarbeit. Doch von dieser Trauer soll hier nicht die Rede sein. Diese Trauer betrifft die Strategen jener Zeit, die sich neue Feinde gesucht haben: Terrorismus und Kinderschänder. Ausserdem: Staaten; genauer: Steuern. Wettbewerb führt zu Reduzierung!, steigert sich auf „praktisch keine Steuern“!! und darf gerne bei „keine Steuern zahlen“ enden!!! Die politischen Strategen hatten von heute auf morgen den grössten Feind den es geben kann, der darüber hinaus den Vorteil hat, dass es sehr wahrscheinlich nicht ausgehen wird: das eigene Volk. Die Wirtschaft nahm sich den grössten Spieler am Platz vor: den Staat.

Aus Sicht der Wirtschaft will der Staat das machen, was Firmen gerne selbst regeln würden. Der Gesellschaftsvertrag steht in Konkurrenz zu Einzelverträgen; oder bildlicher: der Profi zieht den Schwachen über den Tisch; oder oder oder.

Viele warnten vor der Entwicklung und den meisten der Warnern war es gar nicht recht, dass sie 2009 durch die Wirtschaftskrise Recht bekommen haben. Seit dem trauert das Volk der früheren Ordnung nach und die Macher der neuen Ordnung sind einfach nur sauer, dass da ein paar falsch gespielt haben – diese Kandidaten haben die Regel des Spiels, das sie eingeführt haben, nicht so recht verstanden. Sie trauern den guten alten Zeiten nach, die ihnen abhanden gekommen sind.

Seit 2009 trauern wir, aber jeder trauert etwas anderem nach: Da gibt es die, die mit dem Fall des Kommunismus die Schande der Aufklärung als wieder gut gemacht betrachten und nun meinen, dass sie ein Anrecht darauf zu haben die damaligen Verhältnisse wiederherstellen zu dürfen, sie fühlen sich sogar dazu verpflichtet. Einige wollen deshalb den Zaren zurück, andere wollen wieder Könige haben oder die Könige durch Konzerne ersetzen, wieder andere wollen Kleinstaaterei in Europa usw..

Sieben Jahre Trauerarbeit und wir machen genau das, was die anderen sich wünschen: wir gehen rückwärts. Nicht nur Europa trauert, der Westen trauert insgesamt. Der westlich orientierte Osten fühlte sich von den frisch erhobenen, warnenden Zeigefinder der Religionen gedengelt und getrieben und wollten gerade deshalb lieber Richtung Freiheit, eigentlich Demokratie, Kapitalismus war weniger wichtig. Sie machten zwei Fehler: sie wollten die Arbeiten zur Demokratie delegieren und sie berücksichtigten nicht, dass Ziele instrumentalisiert werden können. Manche Wahlen waren fragwürdig, die meisten folgenden Aktionen auch. Der Hauptfehler war, dass sich die Meinung breit machte: wer gewonnen hat, der ist Monarch – Demokratie funktioniert so nicht. Es ist wichtig, dass immer alle das tragen können, was entschieden wird. Das haben auch hier einige nicht so richtig verstanden und sind oft kompromisslos, wollen mit dem Kopf durch die Wand auch, wenn die Wand schon längst ganz woanders ist. Auch sie sind Kandidaten für „König und Vaterland“. Oberschicht und Unterschicht, so wie Gott es will. Der Osten läuft Gefahr vom Regen in die Traufe zu geraten, der Westen, dass gut 60 Jahre umsonst waren.

Neben Trauer haben wir eine allgemeine Stimmung, die behauptet: Es wird alles wieder gut. Das entspricht der ersten Phase der Trauer: Verleugnung.

In diesen Fällen sollte man zuhören, aber es ist wichtig, dass wir wieder auf den Füssen landen und die Dinge gezielt zu lösen. Nützlich und wichtig wäre zuerst eine Aussprache mit „sich ehrlich“ machen. Die meisten Dinge, jedenfalls die Positionen der Beteiligten, liegen schon lange offen und die meisten kennen diese Positionen – niemand verrät etwas, wenn Bekanntes zugegeben wird. Bleibt man aber bei der Illusion, dass das niemand wissen könnte, dann reitet er nicht nur seine Gruppe tiefer hinein, er reitet alle anderen und die Demokratie und die Wirtschaft tiefer hinein – aber manche wollen ja genau das. Wieder wird sich nur zeigen, was bereits zu vermuten war.

Sich nicht mehr zu verstecken sondern offen und ehrlich sich zu bekennen, Gründe und Emotionen zu nennen und den Willen bekunden, zusammen mit den anderen eine Lösung zu suchen, das ist die aktuellste Frage, wer das kann, wird – falls es eine geben wird – in der neuen Gruppe dabei sein können, alle anderen werden keinen Gefallen mehr daran finden.

Erst diese Gruppe kann dann wirklich lösen. Erst dann beginnt die eigentliche Arbeit.

Warum ist das bislang nicht passiert? Die Politik hat verlernt die Dinge beim Namen zu nennen. Zudem scheinen Änderungen immer nur dann durchgeführt oder bestehen bleiben, wenn die Partei, die nicht dafür steht, es macht. Heute stehen die meisten Parteien für dasselbe (Einheitspartei – keineswegs so demokratisch, wie der erweckte Anschein), sie brauchen nicht mehr reden oder diskutieren, sie warten einfach ab, bis das Volk die Arbeit übernommen hat und wundern sich dann, wenn das Volk auf die Idee kommt, dass unter diesen Umständen Politiker insgesamt überschätzt werden und im Grunde überflüssig sind. In einer Demokratie ist das so. Dennoch dürfen die Politiker mitspielen, z.B. bei der Verwaltung und den Gesetzen, bei denen man sich einig ist und bei dem mühsamen Geschäft der Verhandlungen und Diplomatie und so weiter. Ist das nicht genug?

Über die sehr aktuelle Flüchtlingsfrage hinaus, sind wirtschaftliche und gesellschaftliche Fragen zu klären, die das Zeug dazu haben, dass sich Parteien auflösen und neue bilden, denn die Dinge ändern sich grundsätzlich, da sind die Grabenkriege von gestern keine guten Ratgeber mehr.

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