Skip to content

DataScrooge

25. Dezember 2015

„Zeitverschwendung“ war alles, was man von einem Menschen wie Ebenezer Scrooge zum Thema Weihnachten bekommen konnte – und erwarten konnte: Nutze Deine Zeit! War der Imperativ, unter den er sein Leben stellte; unter den sein Leben gestellt wurde, von Kindesbeinen an und von anderen. Er war konditioniert worden. Er konnte nicht anders, als es so zu machen, wie es ihm vorgemacht worden war. Er machte nach, was er erlebt hatte.

Sein Leben war eine unendliche Schleife, die sich um einen einfachen Ersatz drehte, nicht um ihn oder um andere Menschen. Ebenezer war das Paradepferd einer gelungen Erziehung oder dafür, was entsteht, wenn ein Mensch nur ein Thema kennt: Kein Mensch, aber ein Schlächter seines und ungezählten anderer Leben.

Ebenezer war zuerst Bankier. Er war süchtig nach dem Erfolg, der Anerkennung und der Macht, über die er heute verfügte. Er, der machtlos in eine Welt geboren worden war, die vom Geld abhängig ist. Er passte sich doch nur an! Um überleben zu können!! Und als er hörte, dass Pokerspieler Bankier werden können, lernte er umgehend Poker. Er lernte es schnell und er lernte es gut. Er durfte Bankier werden. Sein Lehrer wurde zu seinem Vorbild, zu seinem Mentor und zu soetwas wie einen Freund. Die Leute um sie herum vergaben ihnen einen Spitznamen: Der Mentor hiess „Mono“ er wurde zu „Pol“. Er wunderte sich zwar darüber, dass die Leute sich mit soetwas beschäftigen, aber es passte irgendwie.

Zusammen machten sie sich auf, um das neue Produkt zu nutzen – so gut das eben ging und ohne Kompromisse: Daten. Zuerst mussten Erfahrungen gemacht werden, das war ein Risiko – und Risiko war sein Geschäft: er war der beste für diese Aufgabe und er erledigte sie gut. Letztlich war alles ganz einfach: Daten sammeln, horten, anhäufen und nichts mehr hergeben. Mit den Worten: „Ich habe mehr Daten“ stach man die Kleinen bei den Kunden aus. Das hatte meist zwei Vorteile: Der Kunde wurde seiner und die Daten des Kleinen konnte man billig einkaufen. Nun hatte man dessen Kunden und Daten, wieder mehr und das ging so weiter: Im Prinzip musste man nur der Grösste sein und bleiben, dann war einem das Monopol sicher und wer das Monopol über die Daten hat, ist der Herrscher der Welt.

So einfach ist das. Man darf sich nur nicht selbst gefährden. Schliesslich geht es um die Weltherrschaft. Erfolgreicher kann man nicht sein. Wozu dann die vielen kleinen, täglichen Gefühlsduseleien, wenn man das einzige, grosse, wichtige Gefühl bekommen kann: Alle hören auf mein Kommando! Herr über Leben und Tod! Besitzer aller Güter! Besitzer der Welt. Nichts weniger und nichts mehr (geht ja auch nicht); das einzig echte, das einzige sich lohnende Ziel, die einzige Erfüllung, auf die er hoffen konnte.

Anfangs war es nur eine Frage von Technik und Investitionen. Erstaunlich schwer war es, das scheinbar doch klare und deutliche Wort: „alle“ Daten zu definieren. Egal, wie man es anstellte, irgendwelche Daten fehlten für eine eindeutige Vorhersage immer. Über einen gewissen Punkt kam man nicht hinaus!? Die These, dass das etwas mit der Chaostheorie zu tun haben könnte, weil der Mensch sich nach Kriterien entscheidet, die sich plötzlich ändern können, weil irgendein Detail übersehen wurde, diese These wischte er mit den Worten weg: „Dann brauchen wir eben mehr Daten.“ Noch mehr Daten! Noch mehr Daten! Noch mehr … Alles andere wurde so unwichtig wie die Zeitung von gestern.

Mono hatte diese Jagt perfekt beherrscht und war – wie jeder gute Krieger – während und an seiner Arbeit gestorben. Sein Leben war, wie es sein sollte. Man hoffte und erwartete, dass das einem einmal auch so gut gelingen werde. Ganz sicher konnte man nicht sein.

Doch jetzt war Weihnachten und alle Menschen waren wie auf Drogen. Friede, Freude, Freunde. Das brachte zwar viele Daten, aber die waren fast wertlos, weil die Mitarbeiter auch von dem Virus befallen waren. Jetzt wäre es wichtig, die Kommunikation der Menschen zu steuern. Jetzt konnte man die Saat für die Streitereien des nächsten Jahres sähen. Jetzt war die wichtigste Zeit um zu bestimmen, wer sich im nächsten Jahr finden und wer sich trennen wird – jetzt war die Zeit, um die Erfolge und Entscheidungen des nächsten Jahres festzulegen. Und die Mitarbeiter waren quasi alle krank! Unglaublich! Die wussten doch, auf was sie sich einlassen. Die sollen ihren Job jetzt, in der wichtigsten Zeit des Jahres, richtig machen! Aber nein, heute muss man freundlich sein! Freundlich statt erfolgreich! Kann man überhaupt erfolgloser sein?

Sie sollen arbeiten, wollen aber feiern! Mitarbeiter! So was von weltfremd. Selbst die Huren arbeiten Weihnachten professioneller als diese Ansammlung von Möchtegern. Frei wollten sie haben. Wie hast Du das damals gemacht, Mono? Wie?

„Auch nicht anders als Du heute. Einfach darauf bestanden.“. Die Antwort Monos war für Pol so deutlich, dass er sich unwillkürlich umdrehte, weil er erwartete, dass dort Mono steht. Und er stand auch dort. In einer Aufmachung, die tiefen Ekel erregte; als wäre er mit Schildern wie: „Ausverkauf wegen Pleite“ oder „Geschäftsaufgabe wegen schlechter Spekulationen“ oder „Obdachlos weil nicht in der Lage gewesen, Fehler durch Risikogeschäfte zu korrigieren“ plakatiert. Er war einer von denen geworden. Einer von denen, die es im Leben zu nichts gebracht hatten. Einer der Verlierer. Einer derer, die einfach nicht gut genug waren. Einer von den Versagern, die sich jetzt um jeden besseren Platz unter den Brücken schlagen – na, wenigstens kämpft er noch. Aber so etwas von heruntergekommen und – an was ist er da angekettet?

„Du solltest den Kostümbildner wechseln. So was von klischeehaft. Heutzutage bewahrt man seine Schätze nicht mehr in Kisten auf! Heute kann man höchstens an seine Kreditkarten gekettet werden. Und da reicht selbst bei mir eine (verhältnismässig einfache) Goldkette. Ausserdem hast Du Dich im Feiertag geirrt. Es ist Weihnachten und nicht Halloween oder Karneval. Und, nur zur Information: Die Sicherheit ist benachrichtigt.“.

Die Reihe von Beispielen, die Pol gegeben wurde, um sicher zu sein, dass es hier nicht mit einem Schauspieler oder Betrüger zu tun hat, sondern mit Mono, überspringen wir hier. Wenn es wieder interessant wird, steigen wir erneut ein.

Pause.

„Es hat seinen Grund, warum du mich heute so siehst. Du kennst ihn. Ich kannte ihn auch. Aber ich ignorierte es, hielt es für Gefühlsduselei. Und ich lehrte Dich, auch so zu denken. Viel habe ich nicht machen müssen. Aber da ich so ziemlich der einzige bin, dem Du zuhören, vielleicht sogar Glauben schenken wirst, wurde ich geschickt, um es Dir zu sagen und um Dir zu erklären, was und warum es passieren wird.“

Pol: „Mehr als Daten wird es nicht geben. Wir kämpfen immer noch mit den Inhalten. Und es gibt noch viele, die vor den von Dir gelieferten, Daten verarbeitetet werden sollen – Du wirst warten müssen, komme was wolle. Es geht nicht anders.“

„Ich bin kein Datenlieferant, ich bin – war ein Mensch. Menschen auf Daten zu reduzieren, sie zum Konsumgut zu machen und berechnen und manipulieren können zu wollen, lässt einen nur den Bezug zu den Menschen, den Kontakt zu ihnen und damit den Sinn zu verlieren. Wir sind Mensch unter Menschen. Knapp daneben ist auch ganz vorbei. Besinne Dich. Werde Mensch. Als solcher bist Du auf der Welt. Führst Dich aber auf, als wären Daten Mammon. Das ist unser gemeinsamer, grösster Fehler. Weder Geld noch Daten machen Dich zum Menschen, das können nur Menschen und Du selbst, als erster in der Reihe, die das bei Dir erledigen sollten.

Deshalb wirst Du heute Nacht Besuch von drei Geistern bekommen, die Dir die menschlichen Momente Deines Lebens zeigen werden und die es Dir ermöglichen sollen, Deine Ketten abzuschütteln und Mensch zu werden. Dies ist Deine Chance. Es wurde beschlossen, dass Du eine bekommen sollst. Mensch sein, ist mehr als Geld, Daten und Macht. Mensch sein, heisst unter anderem auch zusammen wachsen zu können – Du hältst Dich und die anderen auf. Es wird sich etwas tun. Tust Du nichts, wird etwas gemacht werden. Es ist unausweichlich.

Richte Dein Leben auf den Menschen Ebenezer aus, lass ab, der Gehilfe sich selbst überhöhender Hilfsmittel zu sein, erkenne die Regel dahinter: Sie sind für den Menschen da, nicht andersherum. Verwende Deine Möglichkeiten Menschengerecht, isoliere Dich nicht, sondern tauche in die Menschen ein. Es gibt dort genug, was Deine Talente benötigt – Du schuldest ihnen das. Beginne jetzt, denn etwas wird sich ändern, ob Du Dich oder Du vom Leben, das ist Deine Entscheidung.

Es werden Dir heute Nacht drei Geister erscheinen, die Dir helfen sollen, Deine Möglichkeiten, deine Liebe zu entdecken. Nutze dieses Geschenk. Lass es nicht verstreichen Vieles von dem, was uns wichtig war, ist nicht der Rede wert. Menschen schon. Werde Mensch. Und nutze Deine Möglichkeit.“

Schrilles Geschrei, das wohl durch die Folterwerkzeuge, die bei Mono zur Anwendung kamen, beendeten diesen „Auftritt“ und Mono verschwand, wie bei einem Fade-Out. Dieses Medienzitat machte nur deutlicher, dass das eine sehr schräge Erfahrung war. Im Geiste ging Ebenezer durch, was er heute zu sich genommen hatte, um entscheiden zu können, von welcher Speise oder Trank er sich in Zukunft fern halten wolle.

Dies war seine Standardreaktion. Damit reagierte er auf alles: Statt Chancen sah er nur Einschränkungen und begann, vorzubeugen. Da er nie genau wusste, was auf ihn zukommen wird, konnte er auch nie genug vorbeugen. Also beginnt er sich zu fokussieren und bald dreht sich alles um eines. Es ist das goldene Kalb, das ihn um es herumtanzen lässt. Einer Sucht nicht unähnlich.

Risikobewertung funktioniert nun mal so: Schätzen und verteilen. Risikooptimierung dagegen will besser schätzen und traut sich deshalb an grössere Risiken – kennt aber auch mehrere und versucht Verluste durch mehr Engagement (und höhere Risiken) auszugeichen.

Advertisements
Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: