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Spielregeln

9. Juli 2015

Da es oft meine Aufgabe war, die Spielregeln der Arbeitsprozesse und des Umgangs und der Arbeitsschritte für die Teams vorzugeben, werden jetzt die Fragen rund um Spielregeln laut. Das Thema ist sehr weitläufig und man verheddert sich sehr leicht in den Verbindungen und gegenseitigen Abhängigkeiten. Hier wird nur ein kleiner Überblick gegeben. Falls weiter Interesse bestehen wird, kann das gelegentlich weiter ausgeführt werden.

Wenn Spielregeln nicht eingehalten, ständig in Frage gestellt oder gedehnt werden, dann werden sie schnell überflüssig. Spielregeln werden aber auch von der Entwicklung überholt. Dann stehen Leute, die die Spielregeln einhalten, plötzlich vor einem Scherbenhaufen, weil die Regeln und die Realität nicht mehr zusammen passen.

Regeln sind dynamisch. Jeder Versuch, sie für „immer und ewig“, „unumkehrbar“ (und was man sonst noch alles hört) festzusetzen ist bei von Menschen für Menschen gemachten Regeln, zu erklären ist entweder: optimistisch, naiv oder schlicht unseriös.

Auf der anderen Seite sollten Regeln stabil sein, damit die Beteiligten sich nicht ständig nur um die Neuerungen der Gesetzeslage zu kümmern haben.

Bei Spielregeln kommt es entscheidend darauf an, dass der Spagat zwischen Dynamik und Statik geschafft wird.

Ein Mittel dazu ist es einen Rahmen zu setzen. Die Eckdaten des Rahmen werden regelmässig überprüft, es gibt Bereiche, da werden sie für den konkreten Fall aus anderen aktuellen Daten berechnet.

Rahmen ändern sich im Rahmen anderer Rahmen. Das ist nicht nur ein guter Merkspruch, das stimmt sogar. Das hat eine Konsequenz: Ändert sich ein Rahmen, dann sind auch alle anderen zu überprüfen. Interaktiv verbundene Rahmen werden schnell unübersichtlich – sind aber sehr effektiv.

Wer im Rahmen bleibt, muss sich nicht automatisch an die Regeln halten, denn oft sind mehrere Regeln gleichzeitig zu beachten, sie können den Rahmen enger machen.

Punktuelle Regeln funktionieren anders. Den Unterschied kann man sich verdeutlichen, indem aus den Regeln ein Gummituch eindellen, ganz ähnlich dem, was von Gravitationsverbildlichungen bekannt ist.

Punktuelle Regeln entsprechen einer Masse, Aktivitäten innerhalb und zwischen den Massen, denen von Rahmenbedingungen.

Auch Punktuelle Regeln sind dynamisch. Sie können sich verändern oder mit variierenden „Körpern“ unterschiedlich interagieren und sich ändern. Dies liegt daran, dass nur sehr selten einzelne Regeln separiert werden können (das klappt in der Physik im Labor besser als in interaktiven und sich selbst beeinflussenden Systeme, wie es auch viele Regelwerke sind).

Ein nahezu eindeutiges, evtl. gut zu nennendes, Regelwerk kann – um im Bild zu bleiben – mit einer schrägen Fläche verglichen werden, auf die unterschiedliche Kugeln, Räder Körper allgemein fallen gelassen werden und die alle (an derselben Stelle fallengelassen) Körper ein eindeutiges Ergebnis liefern. Fehlertolerant ist ein System, solange Körper, die kein eindeutiges Ergebnis liefern, entfernt werden können, bevor das System erneut eingesetzt wird oder eine bestimmte Zahl von unbehandelten, hinderlichen Körper Fehler in einem akzeptablen Mass liefern.

Nahezu jedes System kann boykottiert werden. Kontraproduktives Verhalten ist immer möglich und kann zum Versagen des Systems führen. Dem wird oft mit Gegenboykott begegnet, es gibt eine Mahn- und Strafkatalog. Alternativen dazu sind Anreizkataloge, Vertrauen und WinWin Situationen (in menschlichen Regelwerken). Bei Regeln gibt es einen Spruch, der mit wenigen Worten mehr klärt, als wenn man ihn nicht verwendet: „Manche halten sich an Gesetze, weil sie sie fürchten, andere, weil sie sie verstehen“.

Sind menschliche Regelwerke mathematisch beschreibbar? Manche besser als andere, da sie sehr dynamisch sind, stellen sich mit der Zeit Fehler ein.

Kleines Beispiel: Stellen Sie sich vor, sie haben es mit drei Körpern zu tun, die sich alle gegenseitig umkreisen. Um das zu berechnen wird eine Reihe von Rechnungen, die Schritt für Schritt jede einzelne Bewegung ausrechnet.

Die Berechnungen dauern jedoch zu lang, man will es vereinfachen. Irgendwann erkennen sie ein Muster und verwenden diese Vereinfachung statt der exakten Berechnung. Das ist gut mit einer Spielregel bzw. einem nicht zu detailliertem (so, wie es sein soll, damit es Bestand hat) Gesetz vergleichbar. Fehler schleichen sich mit der Zeit ein – das System ist ständig zu justieren. Und unerwartete Objekte, wie ein, das System kreuzender Komet, zerstört alle Anstrengungen.

Menschliche (Erklärungs-) Systeme sind keine Naturgesetze. Ihre Dynamik und Interaktionen führen dazu, dass sie ständige Pflege, Kontrolle und Justierungen benötigen, letztlich werden sie durch neue aktuell passendere Systeme ersetzt – regelmässig.

Damit ein Regelsystem langlebig ist, sollte es nicht zu detailliert sein, den davon betroffenen Menschen einen Bewegungs- und Entscheidungsrahmen liefern und soweit wie möglich offen für neue Situationen sein. Dazu werden diese Systeme oft in verschiedene Level aufgeteilt. Integrationspunkte werden auf allgemeiner, konkreter oder detaillierter, erweiternden oder spezialisierende Ebene angeboten.

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Wenn, wie im Falle Griechenlands, Änderungen des Regelsystems angestrebt werden, dann ist das, im natürlichen Rahmen der ständigen Anpassungen möglich oder es wird eine Neuimplementierung angestrebt. Letzteres braucht Zeit. Das über das Knie brechen zu wollen („es fehlt nur der politische Wille“) funktioniert nicht – es sei denn, es liegt ein gut ausgearbeitetes, praktisch erprobbares Konzept vor, das kann, das wird aber nur selten klappen, da die Ängste vor all zu viel Änderungen schlicht zu gross sind. Charisma kann helfen, gute Arbeit überzeugt besser.

Diese Beharrungskräfte sind es auch, die innovationsfeindlich sind. Es ist wesentlich einfacher ein bestehendes System ein bisschen zu ändern als es grundsätzlich zu ändern. Die Zuversicht, dass etwas wesentlich besser funktionieren wird, wird oft wegen den zu erwartenden unerwarteten Auswirkungen in andere Bereiche verworfen (diese bremsen oft auch am stärksten: z.B. soll das Fax in Deutschland von der (damals zuständigen) Post, wegen der befürchteten Reduzierung der Briefsendungen abgelehnt (es gibt tausende von solchen Beispiele, da kann man sich eines aussuchen).

Ein zu breit aufgestellter Investor, der sich noch nicht über das konkrete Thema aufgeregt hat (das hat er in der Regel nicht, denn den „aufregenden“ Teil, der Arbeit, wird von anderen erledigt), der fürchtet die Gewinneinbrüche in seinem Portfolio mehr als ihn die Gewinnaussichten fröhlich stimmen. Nahezu alle umwälzenden Neuerungen wurden von Investoren, die ihr Geld in anderen Bereichen gemacht haben (und noch nicht im neuen Bereich unterwegs waren), ermöglicht.

Die deutsche Automobilbranche sagte über Jahre: „die Automobilbranche ist sicher, sie kann nur von aussen gefährdet werden“. Übersetzt heisst das: „Wir dominieren den Markt, machen nichts, was ihn gefährden könnte, halten uns insbesondere bei den eigenen Innovationen zurück und können den Markt von zufälligen Innovationen schützen.“

Google und Apple haben beide nichts mit Autos – gut, Routenberechnung und -planung vielleicht – zu tun, hatten aber das nötige Kapital denen die Schutzmechanismen der dominierten Märkten nicht gewachsen waren, und wollten nur etwas Innovatives, praktisches auf den Markt bringen – ganz unschuldig, aber mit entsprechend einschüchternden Geldmittel ausgestattet, so dass die Forschung in diesen Bereichen in den etablierten Firmen unmittelbar hochgefahren wurde.

Ist Grösse an sich schlimm? In diesem Kontext gesehen ergibt Grösse folgendes: Wirklich gross wird man nur als Monopolist. Ein Markt ist uninteressant. Nach dem das Interesse an anderen Märkten geweckt und befriedigt wurde, werden alle diese Märkte uninteressant. Viele kleine Firmen machen zu. Sie werden von anderen grossen Firmen aufgekauft. Diese werden grösser. Zum Schluss gibt es ein paar grosse Firmen und sonst nichts. Diese grossen Firmen werden sich, nachdem die Märkte / Länder / Wachstumsbereiche verteilt wurden, nicht anders verhalten, als die aktuellen grossen Firmen und sie werden diese Märkte vor fremden Innovationen schützen.

Was hat Griechenland falsch gemacht? Es ist zum einen in einen besetzten Markt eingedrungen und wollte das Regelwerk der „Grossen“ ändern. Die geschützten Bereiche haben sie aber nicht erreicht, weil die hier nötige, überzeugende Vorarbeit nie im gewünschten Format geleistet wurde.

Hier soll nicht diskutiert werden, ob die Latten an sich zu hoch gelegt waren oder ob sie bewusst unterboten wurden, hier soll nur festgestellt werden, dass die Verteidigungsmechanismen nicht benötigt wurden. Der Versuch war zu schwach oder wurde bereits im Vorfeld ins Leere laufen gelassen.

Wenn es also brauchbare, belastbare Papiere gibt und diese unter den Tisch gekehrt wurden, dann hat sich die EU vielleicht etwas entgehen lassen, etwas, das helfen könnte. Dann hat sich Griechenland aber auch falsch verhalten, weil es die Vorschläge auf mehreren Kanälen hätte einbringen sollen, damit diese auf jeden Fall Gehör (auch von der Masse) finden. Nichts zu liefern, das war wahrscheinlich die schlechteste Lösung.

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