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Nett von Euch

20. Juni 2015

Es ist nett von Euch, wenn Ihr mir Fragen stellt, damit die Zeit, in der ich nicht zu viel arbeite soll, gefüllt wird. Griechenland scheint mir dafür jedoch kein gutes Thema zu sein, die Zeit wollte ich eigentlich für eine Kurzgeschichte oder ähnliches nutzen – dem „Wortkünstler“ in mir wäre es eine Freude gewesen und die Arbeit (Lingua) hätte auch etwas davon gehabt.

Dennoch ist das Thema nun mal aufgekommen und es bleibt noch Weniges zu sagen bzw. einiges zu verdeutlichen oder zu konzentrieren.

In der Tat glaube auch ich, dass der eingeschlagene Weg bei Griechenland nicht wirken wird. Ich denke, dass kein Weg wirklich greifen würde. Dies liegt (und diese Meinung teile ich mit vielen Griechen) daran, dass sich in Griechenland eine Grundstimmung erhalten hat, die den Staat und Obrigkeit als vielleicht dekorativ oder sonst wie amüsant, als ein – aus welchen Gründen auch immer – notwendige Übel betrachtet, ansonsten aber zum Übervorteilen und Austricksen freigibt, ganz so, wie es die Obrigkeit das Volk ihren „Lakaien“ für Korruption und Demonstration des politischen Faustrechts in Verwaltung und Gesetzgebung frei gegeben hat. In dieser Stimmung kann eine Menschenmenge ihr Potenzial an staatsbildenden Kräften nur als Träumer und Visionäre abtun und sie werden, wie Kranke, ständig therapiert, nicht müde werdend und ständig die Hoffnung vor Augen, dass diese, die Realität missachtenden, eines Tages vernünftig werden, und sich den Gesunden, der Masse, wieder anschliessen.

Die politische Situation gleicht der Übergangsphase einer Menschenmenge zu einer Gemeinschaft, die sich nicht mehr durch pure Masse und gegenseitiger Erpressung durch gefügig machen durch Abhängigkeit von Ressourcen, alternativ durch pure Gewalt, „organisiert“, sondern die die Eigenschaften der Einzelnen zum Wohle der Gemeinschaft fördert, dadurch auch nutzen kann, und letztlich jeden integrieren kann. Erst dadurch befreit sich eine Gemeinschaft vom ewigen Kampf um Nichtigkeiten und kann sich der eigentlichen Aufgabe, der Entwicklung der Einzelnen und der Gemeinschaft stellen. Auf dem Weg dorthin herrscht ansonsten das krampfhafte Festhalten am Erreichten, das, da der Rückfall in alte Verhältnisse droht, es zu bewahren gilt. Jede Änderung, auch die zum wünschenswerte, wird so zum Staatsfeind und wird bekämpft. Dass sich dieses dennoch mit der Zeit durchsetzt, macht die Angelegenheit in den Augen der Hüter nur noch gefährlicher und zum eigentlichen Zentrum der eigenen Anstrengungen: dem ehrenhaften, Don-chijote Krieg gegen die nicht unterdrückbare Entwicklung von Gesellschaften.

Helden werden hier zu besonders tragischen Gestalten, denn sie erreichen ihre Ziele meist nur, indem sie die Regeln, für die sie meinen einzustehen und zu kämpfen, brechen – in Erwartung des Paradies auf Erden (für die gute Sache), nehmen sie diese Bürde gern auf sich. Sie benutzen dazu gerne „überlegene“ Waffen. Und landen unweigerlich in einem Kampf der Machterhaltung, der schlicht als der „scheinbar endlose Kampf für die gute Sache“ verkauft wird, weil die Gefolgschaft nach geschlagener Schlacht auflöst und, mit den eingeübten Mitteln, bei der Stange gehalten wird.

Sie wissen meist, dass und was sie da machen. Doch ihnen droht, dass sie die Früchte ihres Kampfs nicht selbst ernten können und sie wissen, dass sie die Dinge beschönigen müssen – um ihr Gewissen zu beruhigen, verdrängen sie die Taten, durch die sie die an Macht kamen, der Cäsaren-Wahn beginnt aufzukeimen. Fast alle Diktatoren kennen dieses Schicksal und es lässt sich fasst überall nachlesen – wenn auch meist stark heroisiert. Was der Kern dieser Helden ist: Hochgelobt, doch das Gegenteil ist meist war.

Das griechische Volk will sich von einer Lösung eines Problems lösen, weil es das Problem nicht löst. Diese Einsichten und Erkenntnisse lassen sich nicht leugnen und bestechen durch die einfache konsequente Logik. Doch erinnert diese Stimmung an den arabischen Frühling. Die Jugend stand auf und wollte von der politischen Führung, dass sie Missstände beseitigt und berechtigte Forderungen umsetzt. Sie sagte nicht, was sie wollte und wie es umgesetzt werden soll. Das Resultat war ein Rückfall in noch ältere Zeiten und gesellschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten. Nichts anderes droht Griechenland jetzt, zumal es den zukünftigen Regierungen durch die sehr schweren Zeiten, die auf ein Griechenland zukommen, wenn der eingeschlagene Weg weiter verfolgt wird, durch den „äusseren Feind“ sehr einfach gemacht wird, die alten Apparate, die alten Gewohnheiten zu pflegen, gibt es doch keinen, der das aufhalten könnte und die, die es erreicht haben, haben es sich auch verdient.

Mit anderen Worten: Das griechische Volk will Änderungen haben – das kann man verstehen, das muss man nicht verstehen, das hängt von eigenen Blickwinkel ab (je weniger man es versteht, umso deutlicher wird aber, dass Ungerechtigkeit als Erziehungsmittel oder Waffe durchaus legitim ist).

Theoretisch hat niemand etwas gegen Änderungen, einige würden sogar Gefallen finden – so die Lippenbekenntnisse. Doch nun wird es für den Beobachter schwer, denn die Grenzen zwischen Ursache und Wirkungen verwischen im Folgenden. Die eine Seite kennt nur die Forderung nach „so wie abgemacht“, die andere scheint nichts oder mal diese mal jene Forderung zu stellen, manchmal auch einfach nur abgehobene, vielleicht themaverfehlende oder irgendwie daneben liegende Vorschläge zu machen.

Dies lässt darauf schliessen, dass die Lösung nicht das Ziel ist. Bei beiden Parteien. Warum? Die EU argumentiert, dass ein gültiger Vertrag ein gültiger Vertrag bleibt, auch, wenn jemand mit nicht einhaltbaren Versprechen, gewählt wurde und diese nun einhalten will, selbst, wenn das auf Kosten der Wähler geht. Sie sehe sich erpresst und verweist darauf, dass viele die Zeche zahlen, die weniger als „die Griechen“ haben, dass andere die Auflagen gestemmt haben und dass alle Änderungen so oder so anfallen werden, ob nun Griechenland in der EU, dem Euro bleibt oder nicht. Besser Augen zu und durch, als mit offenen Augen panisch alles zusammenstürzen zu lassen.

So mancher spricht auch von „Amtshilfe“ und Abstrafen weil die Braven abgewählt wurden.

In Griechenland selbst scheint die Dolchstosslegende nicht wirklich zu greifen. Ja, die Griechen wollen einiges nicht und ja, es sollte machbar sein, dass diese Härten nicht nötig sind, es sollte andere Wege geben. Zum Beispiel dass die bisher Verschonten diese Oboli übernehmen sollten. Das war versprochen. Das wurde nicht eingehalten. Es gibt Gerüchte, dass sie das nicht durften. Es gibt Gerüchte, dass ein Teil der politischen Verhandlungspartner das unterstützten, einige nicht und dass es ihnen von anderer Seite regelrecht verboten wurde.

Es blieben Gerüchte, es wurde weder thematisiert noch aufgezeigt oder argumentiert. Gerüchte sind gut, weil sie die Stimmung anheizen, die Sturheit und eine destruktive Solidarität fördern. Ständig scheinbar unmotiviert wechselnde Gesprächsthemen oder der Verzicht auf die eigene Position und Gestaltungsmöglichkeiten sind ein guter Boden für Gerüchte – und stellen sicher, dass die Verhandlungen scheitern werden. Die Sturheit der anderen Seite setzt Brief und Siegel dazu.

Aktuell sehen sich wohl alle Seiten mehr oder weniger gezwungen, den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen. Die einen, weil sie meinen, dass jedes Entgegenkommen nicht genug war – wir wissen nicht, was vorgeschlagen wurde und ob es genug war, wir sind deshalb auf Treu und Glauben angewiesen, das emotionalisiert. Die anderen, weil sie Versprechen erfüllen wollen, die rote Linien ziehen und diese rote Linie scheint sehr flexibel zu sein – vielleicht geht mehr.

Dieses „vielleicht“ weckt Hoffnung, dass sich die Leute aber mit dem Grexit bereits angefreundet haben ist vielversprechender. Im sich anbahnenden Chaos kann man die Machtverhältnisse auf Dauer viel leichter ändern, als ohne äusseren Gegner und die eigene Not, in die man getrieben wurde.

Die EU sollte den Emotionalisierungen durch Transparenz und klare Angebote bzw. Standpunkte entgegentreten und Griechenland sollte auch seinen Standpunkt und Vorschläge offenlegen. Tun sie es nicht, bekräftigt das die Gerüchte. Die Allgemeinheit wird davon ausgehen, dass sich da zwei Parteien gegenseitig das Messer an die Kehle setzen – und Völker schneiden werden, wenn sie die Messer nicht beiseite legen. Doch diese Völker können erst bei den nächsten Wahlen sprechen. Bis dahin wird dafür gesorgt sein, dass die Vernunft, Hass und Überlebenswillen weicht.

Damit haben beide Seiten einen Grund, die „anderen“ intern zu bekämpfen. Das Internet macht es ihnen (und in ihren Augen) leichter denn je – diesmal könnte es klappen!

Gibt es Alternativen? Es scheint so, als würde von beiden Seiten zu hören sein: „Wozu, es läuft doch gut?“.

Die grosse Lösung. In der EU läuft sicher nicht alles rund. Das ist bei allen grösseren Sachen so. Man könnte es angehen, es würde aber die Annehmlichkeiten der Nationalstaaten, die eine EU zum Sündenbock macht (nichts anderes tut die griechisch Regierung gerade und die anderen sind mit dem Beharren auf bestimmte Regeln, also dem Zwang, der die EU auf sie ausübt, nicht weit davon entfernt), mindern und scheinbar die Möglichkeiten die Interessen der Staaten durchzusetzen ebenso.

Die grosse Lösung nimmt die Härten von denen, die nichts dafür können, ausser, dass ihnen bei den Wahlen keine Wahl gelassen wird und dass sie das stoisch hinnehmen, und nimmt etwas von denen, die das besser stemmen könnten. Die Robin Hood Variante ist leider sehr unwahrscheinlich, weil sich viele Politiker mehr als Teil derer sehen, die da eine grosse Lobby (die Politiker eingeschlossen) haben, und dass das Volk besser mit Armut zurecht kommt, als die Reichen, das Volk ist so was eben gewöhnt, das ist der natürlich Zustand, sollen sie doch froh sein, dass sie ein paar Jahre lang wie Könige gefühlt haben (wir werden es ihnen aber nie vergessen, dass sie das Kindermachen eingestellt haben).

An dieser Stelle belasse ich es, denn die anderen Alternativen wurden bereits oft genannt und es bedarf nicht viel Phantasie sie durchzuspielen. Wir alle stehen vor der Frage, wie man das handhaben will. Soll Griechenland, z.B. weil deren Regierung unfähig zu sein scheint, tragfähige Vorschläge zu machen, dieser weiter ausgesetzt werden? Als Demokraten können wir nur sagen: Ja, das ist Sache der Griechen. Diese sehen sich unterdrückt und wollen den Streiter für die gute Sache nicht abstrafen – dann wird es passieren, dass sie da durch müssen. Könnte die andere Seite etwas machen? Man sollte meinen Ja. Aber wissen wir, ob und wenn was vorgeschlagen wurde? Und wissen wir, ob diese Vorschläge wirklich etwas bewegen würden? Griechenland will etwas in der EU bewegen, es scheint aber nur auf dem Abweg aus der EU zu sein. Ob das die richtige Lösung ist? Können diese Menschen überhaupt zusammenarbeiten? Oder arbeiten sie indirekt sehr gut zusammen, weil es allen Beteiligten hilft, einem Ziel wie „Durchregieren“ näher zu kommen?

Es könnte so sein. Es muss nicht so sein. Zurück ins Feudale ist ein Weg zurück in die Korruption, der sinnlosen Kriege und gibt vieles bereits erreichte auf Jahrzehnte hin auf. Das Erreichte will und könnte und sollte dringend einen Schritt weitergehen, die allgemeinen Ziele sind scheinbar rückwärts gerichtet. Das ist schade – die ewig Gestrigen wird es freuen.

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