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Terry Pratchett

14. März 2015

Am 12.03.2015 ist Terry Pratchett gestorben. Ein Schriftsteller, der u.a. die Scheibenwelt und mit ihr viele Figuren erfunden hat, die persiflierend diese Welt parodieren. Wenn es nötig ist, übertreibt er etwas oder versetzt es in einen anderen Kontext.

Beides wechselt in einen ungewöhnlichen Blickwinkel und lässt bisher unbekannte Eigenschaften erkennen. Für manchen Betroffenen, der die Heiligkeit oder Wichtigkeit seines Lieblingsspielzeug gewahrt sehen will, für sie ist dieser plötzliche Mehrwert kein Gewinn, eher unnötig und überflüssig – wie die Mehrwertsteuer.

Auch die Figuren der Scheibenwelt entdecken dieses Neue und stellen sich – nicht immer ganz freiwillig – den Konsequenzen. Was der Leser daraus macht, bleibt ihm überlassen – es bleibt offen, denn es ist für die Geschichte nicht weiter wichtig.

So mancher Leser geniest den Verlust des Fokus vom eigene Ich und dessen Alltäglichkeiten, er macht Urlaub davon. Einigen anderen Leser können das nicht geniessen. Der Verweis auf die Unwichtigkeit des Lesers in Bezug auf die Geschichte schmeichelt dem Selbstbewusstsein dieses Lesers nicht.

Das hohe Lied auf ihn, den Finanzier, den Mäzen des Autors, der Literatur, der Kunst und Kultur, die ohne ihn darniederliegen würde und deshalb besser die fütternde Hand nicht beissen sollte – jeder Hund weiss das! – wäre angebrachter. Auftragskunst ist die einzig wahre Kunst! Und Künstler betteln nur um Züchtigung – diese unfähigen, unter Realitätsverlust leidenden, Masochisten sind das schöne Geld nicht wert, das sie – übrigens nur, weil sie so sind, wie sie sind – verdient haben und nicht diese Ignoranten vorwerfen dürfen, die alles nur in den Dreck ziehen und der Lächerlichkeit preisgeben.

Es wäre interessant gewesen, das in Wort und Stil von Pratchett zu lesen. Schade – es fehlt noch so viel.

Ähnlich, wie gerade mancher Leser reagiert hat „Wie, ich bin nicht wichtig?!“, ähnlich geht es den Themen selbst, die das Pech oder Glück haben, von Pratchett aufs Korn genommen worden zu sein. Es entdeckt ganz neue Seiten an sich, meist unter weniger schmeichelhaften Umständen.

Das gibt den Themen die Möglichkeit, den angebotenen Blitzableiter zu benutzen und „tja, dumm gelaufen“ sagen zu können – während andere einem potemkinschen Lachen ausgesetzt werden, einem Lachen, das hinterhältig befreit und damit aufzeigt, dass man bisher tiefer in Dinge verstrickt war, die man – gelegentlich? – moniert. In dieser Situation hilft es sehr, wenn man nicht alles ernst nehmen muss.

Die Scheibenwelt ist unserer ähnlich – und doch nicht. Dieser kleine Unterschied erlaubte es ihm, die Dinge ein bisschen zu verrücken, dadurch werden sie ein wenig aus dem gewohnten, ernsten, scheinbar nicht zu änderndem Kontext geschoben und können betrachtet werden, wie sie sind.

Manchmal haben Kaiser dann keine Kleider an. Wer jetzt „Majestätsbeleidigung“ ruft, der dürfte aufs falsche Pferd, `tschuldigung, Gaul, `tschuldigung auf den falschen Fuffziger gesetzt haben – es steht ihm frei. Sicher stehen diese Leute nicht auf einer – wie auch immer gearteten – „schwarzen“ Liste Pratchetts, sie schliessen sich leider selbst aus, sind aber jederzeit willkommen. Beim Lachen ist immer noch ein Plätzchen frei.

Lachen befreit und wer die Dinge wieder im Lichte sieht, der kann die Schatten der eigenen und die der Gruppendynamik erkennen und weglächeln, denn braucht sie nicht mehr. Der kann befreit agieren – sicher bleiben da ein paar (ungewohnte) Aufgaben übrig, doch diese bewegen etwas und das zu beobachten, tut jedem gut. Einfach mal mitlesen und geniessen! Es lohnt sich – oder tut Lachen weh?

Die Hexen sind gut für alle, die sich um den Dienst an der Welt, Gesellschaft und Regeln, Literatur, Auslegungssachen und Menschen an sich kümmern. Die Wache ist gut für Krimi-Fans und der TOD ist einfach nur Mensch, der, wenn er anpackt, aus ein paar Knochen schon mal eine Harley zaubert. Die Zauberer sind gut für alle, die wissen wollen, wie die Welt funktioniert und Rincewind zeigt, dass selbst Getriebene aktiv sein oder es werden können*.

* Jede dieser Welten wird etwas anders erzählt und jedes Buch kann für sich gelesen werden. Die Reihenfolge in der sie geschrieben wurden ist eigentlich nicht wichtig und wenn, dann wird das Nötige berichtet. Pratchett ist einer der wenigen Schriftsteller, deren Bücher man mehrfach lesen kann – probieren Sie es ruhig aus.

Das alles findet auf der Scheibenwelt statt. Sie gleicht – bei einem flüchtigen Blick – unserem Mittelalter, mit allem, was dazugehört, incl. Märchen. Und es kann sein, dass man in einem Buch gleich mehrere dieser Welten erlebt und erlebt, dass diese Welten, so getrennt wie wir sie empfinden, eng zu einander gehören und verwoben sind. Binnen weniger Seiten kann man eine Achterbahn durch mehrere Märchen, Zaubergeschichten, Zombies, die Normalen und die unterschiedlichen Normalen (andere Völker) erleben, mit Kamelen rechnen, auf Teppichen fliegen und mit Konan dem Barbaren oder seiner Tochter verschiedenen Welten bereisen.

Das Mittelalterliche dient nicht nur als Bühne, es verweist oft darauf, woher unsere gewohnten Einschätzungen basieren und zeigt die ersten zarten Gehversuche dessen, was daraus einmal werden wird und wie früh das Abstruse, das in der all zu starken Spezialisierung und dem Verleugnen der Umgebung seinen Anfang findet

Nicht umsonst trifft man dort auf Menschen, denn nur der Mensch, in seiner Verschiedenheit und seinen Spielarten, nur darum geht es. Selbst Feen, Hexen, Trolle, Zwerge und Vampire, in jeder Figur, in jedem Lebewesen verdichtet sich etwas Typisches, treibt es ein bisschen auf die Spitze und wird mit anderem kombiniert.

Wie bei Fabeln dient die Geschichte dazu einen bekannten Kontext in einer fremden Umgebung zugänglicher zu machen, aber auch dazu dem Humor auf dieser Welt einen Spielplatz zu geben, dieser Humor ist mit Stil, Situation und einem genial gestaltendem Pratchett das Plumpe – jedoch nicht das Direkte – entzogen worden, dass bei ihm selbst Slapstick zum Klassiker werden könnte.

Das nennt man Erzählen. Doch hier geht es schon lange nicht mehr nur ums Erzählen, es ist nicht einfach nur eine Aneinanderreihung technischer Kniffe und Spannungsbögen, nein, das geht über Üben und gute Anwendung hinaus – es trifft den Kern und zielt doch immer genau soweit daneben, dass der Kern erkannt und benannt werden kann, aber in der aktuellen Situation schlicht und ergreifend auf dem völlig falschen Fuss erwischt wurde.

Pratchett entfesselt die Dinge und lässt sie sein, wie und was sie sind. Er lässt uns hinter die Kulisse vom Reigen um Schein und Sein sehen, benennt die Dinge, zeigt vielleicht einmal mit dem Finger darauf, bleibt aber fair – wenn auch nicht humorlos.

Dieser Mensch ist nun gestorben. Zuhause, im Bett mit einer Katze auf dem Bett und seinen Lieben, seinen Angehörigen um ihn.

Vielleicht ist auch die eine oder andere seiner Figuren ein letztes Mal vorbeigekommen, zumindest schon aus beruflichem Interesse.

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