Skip to content

Was ist daran so interpretierbar?

24. November 2014

Herr Sinn versucht sich einfach nur auf Fakten zurückzuziehen. Und er sagt, dass diese von anderen falsch interpretiert wurden. Es geht also vielen so, dass sie das Gesagte nicht direkt verstehen und für die eigenen Bedürfnisse und Fakten interpretieren – um etwas Anwendbares daraus zu machen.

Wie kommt das?

Theorie ist nie direkt auf die Praxis anwendbar. Einzig bei den Naturwissenschaften gibt es Ausnahmen. Das liegt meist an der Umkehrung der Situation. Aus der Beobachtung wird die Theorie abgeleitet. Gravitation ist ein Beispiel für diesen Fall.

Ist es andersherum, wird die Theorie auf die Praxis angewendet, dann kann sich der Theoretiker immer auf die Theorie zurückziehen und sagen, dass diese oder jene „Anwendung“ dies oder jenes falsch gemacht haben.

Theoretiker, die sich zu weit aus dem Fenster lehnen geraten immer in eine Situation, die mit einem Sportreporter vergleichbar sind, der vor dem Spiel genau sagen kann, was passieren wird und hinterher genau sagt, warum es anders gekommen ist.

Sind Wirtschaftswissenschaften also reine Augenwischerei? Nein. Sie stellt Thesen auf und versucht sie zu falsifizieren. Das reicht für die meisten, sie zur Wissenschaft zu machen. Sie ist aber relativ jung, und sie versucht sehr hohe Ansprüche zu erfüllen. Das führt oft dazu, dass unsauber gearbeitet wird oder Theorien als Fakt verkauft werden. Zum anderen kommt es sehr darauf an, worauf sie angewendet wird. Menschen, die Geld übrig haben, geben sich mit Thesen und Aussichten zufrieden, hier lockt der Adrenalinkick mit Risiko und Gewinn; andere sind da skeptischer. Man sollte sich also immer die Zielgruppe der Thesen betrachten und den Grad einschätzen wie viel Verkauf dabei ist. Es ist sicher zu einfach, aber es ist ein einfaches erstes Mass: Je erfolgreicher, desto mehr Verkauf.

Die Wirtschaftswissenschaften laufen Gefahr, reine Erfüllungsgehilfen und der erste Markt zu werden, der sich aufgrund der Schere komplett auf den reichen Markt umstellt. Er läuft Gefahr die Argumente zu liefern, die benötigt werden, um das Verhalten zu rechtfertigen.

Dass sich bereits Märkte etablieren, die sich anders organisieren und Etabliertes kippen wollen (verstärktes Untervermieten oder verstecktes Taxifahren, Multijober in den Zentren, die gut verdienen, aber nicht genug für die aktuellen Kosten) zeigen, dass die Wirtschaftswissenschaften Bodenhaftung verlieren – Herr Sinn würde beklagen, dass sie missbraucht werden.

Die Wirtschaftswissenschaft darf sich aber nicht zur Naturwissenschaft machen, das ist und kann sie nicht. Sie ist eher in den Bereich der Gesellschaftswissenschaften zu stellen. Und sie sich darf auch nicht zum Arzt machen lassen.

Der Grund für die Arztthese ist – das hat Herr Sinn völlig richtig, aber schöngeredet gesagt – dass die Ökonomie ständig nach Fehlern sucht. Verschwiegen hat er, dass die Ökonomie mit den Fehlern arbeitet und Fehler schafft, bewusst und gewollt. Warum verschweigt er das? Weil das freilich auf den Regeln der Habsucht und Gier beruht, nicht auf den Regeln der Ökonomie.

Das ist so nicht ganz richtig. Die Ökonomie lehrt durchaus, dass man Katastrophen abwenden kann, wenn man einen Dummen findet. Letztlich resultiert aus der Schadensbegrenzung ein Geschäftsmodell, das so verführerisch ist, dass es nur durch Gesetze gestoppt werden kann.

Regeln und Gesetze, oft auch Konventionen und Tradition, sind nichts anders, als Handlungs- und damit oft Marktregulierung.

Da letztlich nur die alten Thesen wiederholt wurden und es eben nur um Thesen geht, ist nahezu alles, was gesagt wurde, interpretierbar. Müsste alles interpretiert, wiederholt durchdacht und an die konkrete Situation angepasst werden.

Dass sie so interpretierbar ist, macht sie ja so interessant für viele. Und das macht sie auch so schwierig, denn es gibt durchaus Wirtschaftswissenschaftler, die nicht Beauty-Ärzte für die Upperclass sein wollen, sondern wirklich verstehen wollen, was da abgeht.

Zusammenfassung: Die Wirtschaftswissenschaften sind jung. Sie versucht sich an einem hochdynamischen Forschungsgebiet. Die heute erarbeiteten Fakten sind morgen schon wieder veraltet und sie versucht es oft mit den falschen Mitteln. Sie kümmert sich zu sehr um die Symptome, ignoriert oft die Ursachen, weil sie zu sehr auf das Detail konzentriert ist. Grundsätzlichere Momente und Interaktion sind die eigentliche Aufgabe. Prognosen folgen.

Advertisements

From → Politik, Wirtschaft

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: