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Gibt es Feudales in der aktuellen Wirtschaft?

14. September 2013

Allem Anschein nach sehen Sie feudale Restbestände im Wirtschaftssystem. Können Sie das etwas genauer ausführen?“. Nach einigem Nachdenken, war die Antwort da: Ja, ich sehe das. Ein erster Versuch, dies darzustellen und zur Diskussion zu stellen, folgt jetzt.

 

Für alle, die es eilig haben, hier eine Zusammenfassung. Das Feudale versteckt sich noch teilweise in der aktuellen Wirtschaft, aber es begann viel früher und zwar damit, dass die Bürger – damals eher noch Nomaden als gewiefte Sesshafte – freiwillig auf die Überschüsse verzichteten. Seit dem versucht in jeder Generation irgendeine Gruppe, dieses „Unverhofft kommt oft“ Privileg selbst innezuhaben. Man kennt es aus der Geschichte. Man will einfach dort stehen. Man kommt oft von ausserhalb und hat nichts zu verlieren. Darüber hinaus wird mit Geld, spätestens mit Krediten ein Mechanismus eingeführt, der Geld sammelt. All diese Punkte eignen sich zur Domination, so wie sie auch gerne von den feudalen Systemen angewendet wurden, um den gottgewollten oder sich erarbeiteten oder selbst verdienten Erfolg zu sichern. Diese Aspekte widersprechen oft dem, was ein Wirtschaftssystem benötigt. Sie können sogar einen Missbrauch der Wirtschaft darstellen. Man kann es auch anders machen. Im Blog wurden diese bereits vorgestellt, hier gibt es nur einige Skizzen, damit man nicht alles zusammensuchen muss.

 

Was ist feudal? Die politische, wirtschaftliche Kontrolle ist allein Sache eines Standes, einer Elite. Mit Aufklärung und einigen Revolutionen wurde die mittelalterliche Gesellschaftsform der Europäer über mehrere Jahrzehnte und in mehreren Anläufen überwunden und in eine Demokratie überführt (doch nicht ganz, geändert wurden nur die gröbsten Fehler, vieles blieb, wie es war und trugt den Samen des Alten ins Neue).

Für die damaligen Verhältnisse waren die Bemühungen scheinbar ausreichend. Aber es zeigte sich, dass die Entwicklung neue, verführerisch leicht zu missbrauchende und missinterpretierbare Erfolge, über die gern vergessen wird, dass der „Erfolg“ in der Vergangenheit erzielt wurde (meist in Zeiten, die auf eine Krise folgten und damit nur „Macher“ brauchten, die sich nach einer gewissen Zeit auch nicht scheuten, sich mit Ellenbogen durchzusetzen – ganz im Sinne der ersten, die ein Lehen bekamen, sie waren Mitglieder eines Berufsheeres), dieser Erfolg generierte Überschüsse, die es ermöglichten, ihn zu verteidigen.

Wirtschaftlich wird damit die notwendige ständige Erneuerung verhindert. Kombiniert mit den ständigen Vereinfachungen, Beschleunigungen und Automatisierung der Arbeitsprozesse, die immer weniger Mitarbeiter in zentralen (Export-) Firmen benötigen, sinkt die Zahl derer, die sich die Produkte leisten können. Gleichzeitig sammelt sich das Geld an einigen Stellen. Das führt dazu, dass Varianten und Innovationen immer mehr auf den Luxusmarkt abzielen und immer langsamer in die „billigen“ Klassen durchsickern; oft kommen sie dort nicht mehr an.

Die Konzentration auf das Luxussegment ändert den Markt. Es werden mehr Spielereien und noch mehr Varianten erstellt, da viele derer, die es sich leisten können, zu Sammlern wurden, die das Produkt wegen des Unterschiedes oder sogar wegen des Fehlers kaufen, nur um es zu haben. Genutzt werden diese Objekte nicht, weil der „Einzelne“ zu viele von ihnen hat und der Sammelcharakter auf Wertzuwächse hoffen lässt. Diese Leute haben Zeit, können über Generationen rechnen und sich dadurch des Gewinns relativ sicher sein – denn selbst Abgestelltes wird dezimiert durch Unfall oder Feuer, sprich Versicherungsfällen und durch schlechte Pflege zu noch einzig artigerem Objekt.

Praktische Erneuerungen werden verworfen. Wer mit seinem Geld bestimmen kann, was „erfunden“ wird, dem liegt mehr an seinen eigenen Gelüsten, als es „denen, die es nicht geschafft haben“ leichter zu machen – Faule und Trinker sind selber Schuld und werden nicht unterstützt. – und Konkurrenz oder Wettbewerb würde eine bequeme Welt sehr viel arbeitsreicher machen – wer kann das wollen?

Bequeme Märkte sind wirtschaftlich betrachtet unwirtschaftlich. Sie werden immer weniger lukrativ, aber die, die es ändern könnten, sehen keinen Bedarf dazu – zugegeben, es geht nicht mehr so gut wie früher, aber es geht ihnen gut. Und gottgewollt ist es ja auch. Ändern darf man auch nichts – also was soll `s?.

Diese Märkte kennen kaum noch Produktvielfalt und Neuentwicklung und sie sind quasi betoniert. Immer öfter tauschen die Bürger ausserhalb des offiziellen Markts. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig und sie stellen fest, dass Wirtschaft funktionieren kann. Wieder werden Macher es machen. Wieder werden sie sich etablieren und durchsetzen, wieder werden sie sich auf den Erfolgen ausruhen, wieder wird der Markt abgewürgt und wieder wird ausserhalb des offiziellen Marktes getauscht werden, die sich wieder gegen den alten durchsetzen und wieder wird es …

Solche Märkte können als „Geldmonopol“ bezeichnet werden. Sie konzentrieren sich und produzieren nahezu ausschliesslich für die oberste Schicht. Diese Märkte sind den ersten Märkten sehr ähnlich. Diese ersten Märkte sammelten von sich aus Überschüsse an einem Punkt – meist beim König, dem Überschussverwalter. Er wurde eingesetzt, weil die meisten Sesshaften noch viel vom Nomaden hatten, denen Überschüsse überflüssig erschienen, weil man jedes Kilo selber tragen muss – das steckte so tief in den Menschen, dass sie Überschüsse vermieden und wenn es welche gab, gaben sie sie gerne ab.

Diese Art von Märkten gibt es sehr viel länger als das Feudale; das war nur die letzte Ausprägung vor der, auf die wir heute stramm zu marschieren.

Eine „Demokratisierung der Märkte“ kann sicher auf vielen Wegen erreicht werden, einer ist ein erprobtes Mittel: Gewaltenteilung statt -konzentration. Ein erster Versuch der Wirtschaft ist das Verbot des Kartells. Monopole sollen dadurch entschärft werden. Doch der Kern der Monopole ist, dass die Firmen über grosse Strukturen und Überschüsse verfügen, die eine Kontrolle des Marktes ermöglichen.

 

Hier zeigen sich verschiedene Ansatzpunkte: kleinere Strukturen, weniger Überschüsse, Kontrolle abgeben, Vermischung der Märkte (weg von Nischenlösungen hin zu Bausteinen). Einiges wurde bereits versucht: Um weniger Überschüsse (mehr und schnellere Investition) einsetzen zu können, soll Geld seinen Wert mit der Zeit verlieren. Kontrolle abgeben führt nur dazu, dass andere ihre Chance sehen und nutzen wollen – das führt nur zu einem ewigen Hin und Her, dem ewigen Macht Gerangel eben. Aber die Strukturen können leicht geändert werden.

Wer die Strukturen kleinteiliger machen kann, der hat gute Chancen, dass dies stabil bleibt. Ohne eine Ausstiegszwang geht es allerdings nicht. Wer genug verdient hat, dass er den Rest seines Lebens davon leben kann, der verlässt die Struktur, kann aber jederzeit wiederkommen, sollte es nötig sein. Zu dieser Ausstiegsklausel sollte es keine oder nur wenige Ausnahmen geben.

Die Strukturen sind hierarchielos aufzustellen: Ideengeber, Designer, Ingenieur, Produzent, Verkäufer und Lieferant stehen alle auf Augenhöhe. Oder anders ausgedrückt: Wer meint eine Idee zu haben, der darf sie formulieren und einbringen. Wem eine Idee gefällt und sein Designwissen daran versuchen will, der darf das; wem die Idee und das Design gefällt, der kann das Design auf die technische Machbarkeit hin testen und Benötigtes nachliefern. Alle anderen können sich dessen bedienen. Ob eine Idee verwirklicht wird, hängt in diesem Fall fast ausschliesslich vom Markt ab, denn gute Ideen sammeln viele potenzielle Käufer. Das macht sie für Designer und … interessant, Verkäufer haben dann die Aufgabe die Vielfalt der Produkteigenschaften und welche neuen Eigenschaft sich durch die Kombinationen ergeben aufzuzeigen was wiederum neue Ideen (einfach durch Kombination) liefert, was den Kreislauf weiter am Laufen hält.

 

Der Unterschied zu heute ist, dass Firmen sich strategische verhalten können. Ein Beispiel soll das zeigen, je wichtiger dem Kunden eine bestimmte Sache ist, umso schneller würde der oben gezeigte Markt dies liefern. Für eine Firma wäre das ein fataler Fehler, denn man liefert zuerst etwas, das in die Richtung geht aber noch Mängel aufweist, die mit den nächsten Releases behoben werden.

Im aktuellen Markt bekommt man für immer mehr Geld immer weniger, der andere kann prompt individuelle Wünsche erfüllen. Wer nun im Herzen davon überzeugt ist, dass sich der Markt zum Elite- oder Geldmonopolmarkt bewegt, der verwirft den Gedanken schnell -schliesslich sind Autos ein Spielzeug der Reichen, der Bürger braucht keines. Geldmonopol oder hierarchische Ansichten sind der Wirtschaft an sich eher hinderlich.

Der andere erkennt: Die meisten florierenden Märkte waren die, in denen jedes Produkt für alle erreichbar war. Masse macht billig. Standardisierung, Ausbaubarkeit und Kompatibilität ermöglichen immer neue Kombinationen. Masse wird individuell.

Mit der Individualisierung von vollautomatisch produzierten Waren wird der Wert der Wahren immer weniger vom Materialwert abhängen, sondern vom Mass, indem persönliche Wünsche wahr wurden.

 

Die feudalen Tendenzen zeigen auf, dass es wieder mehr um Domination als um Kooperation geht. Es zeigt, dass die Gesellschaftsverträge zur Disposition stehen. Bei diesen Wahlen entscheiden wir auch darüber, ob es weiterhin so etwas wie Gesellschaftsverträge oder nur allgemeines Hauen wie jeder gegen jeden geben wird. Europa sucht eine Perspektive, einen Weg weg von der Schlange. Europa sieht die Schlange schon.

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From → Politik, Wirtschaft

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